Dr. Bernhard H. Bayerlein


Historiker und Romanist, Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung (MZES)
Autor historischer, politikwissenschaftlicher und iberischer Studien
Internationale Kommunismusforschung und Archivprojekte

Die kulturelle Internationale ("Kultintern") /

The International of Culture ("Cultintern")

Die im Rahmen der sog. Einheitsfrontpolitik der Komintern seit 1921/1922 zustande
gekommene provisorische Harmonisierung der Kurzzeitziele sowjetischer Außenpolitik
förderte eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen der Komintern und dem Volkskommissariat
für Äußeres. Dies war Ausgangspunkt für die Geburt eines neuen Typs hybrider
Organisationen, der sog. "Massenorganisationen", die auch "Ligen" oder "Fronten" genannt
wurden. Neu an ihnen war ihr politisch mehr oder weniger neutraler oder nach der
entsprechenden Formel "überparteilicher" Charakter; ihre Mission bestand darin, auf die
nichtkommunistischen Massen sowie die Mitglieder der "kleinbürgerlichen Intelligenz"
einzuwirken, um dem Sowjetstaat den Wiederaufbau der Wirtschaft und die
Wiederherstellung seiner diplomatischen Glaubwürdigkeit zu ermöglichen.


Das auffälligste Beispiel für diesen neuen Organisationstyp ist die "Internationale
Arbeiterhilfe" (Me˛rabpom) Willi Münzenbergs. Sie wurde in Berlin, im September 1921 auf
Initiative des Exekutivkomitees der Komintern (EKKI) während der Internationalen Konferenz
des nationalen Komitees zur Unterstützung des hungernden Rußland, als Echo auf einen von
Gorkij lancierten internationalen Appell mit dem Ziel gegründet, den Hunger zu beseitigen
und die sowjetische Wirtschaft wiederherzustellen und zu entwickeln.
Daneben wirkte die Kommission zur ausländischen Hilfe an Rußland beim Exekutivkomitee
der Sowjets ("Vereinigtes Informationsbüro" OBI). Seit Beginn hatte diese Informationsarbeit -
die sich in erster Linie an Journalisten, ärztliche, wissenschaftliche und humanitäre Kreise
wandte - die Dimension einer kulturellen Propagandaaktivität angenommen. Entsprechend der
von der IAH initiierten Praktiken organisierte die OBI Ausstellungen, nationale
Unterstützungskomitees, Tourneen von Künstlern und Wissenschaftlern sowie sowjetische
Ausstellungen im Ausland, und empfing Vertreter der internationalen humanitären
Organisationen in Rußland, wie das Nansen-Aktionskomittee.
Die sowjetische "Allunions-Gesellschaft für kulturelle Zusammenarbeit" (VOKS), die 1925 die
OBI ablöste, setzte diese "kulturelle Arbeit" in Richtung der Mitglieder der liberalen Berufe
und der fortschrittlichen Bourgeoisie fort, um für sich "ein Ressort und einen Raum für die
Sympathie außerhalb der traditionellen Milieus kommunistischer Verwurzelung" zu schaffen.


Offiziell genoß die VOKS eine vollständige Autonomie, allerdings war sie de facto der
Staatskontrolle unterstellt - sowohl durch die Finanzierung und die Ernennung ihrer Leiter
durch die Partei, als auch die (verdeckte) Tätigkeit der kommunistischen Fraktion im
Organisationskern, die über die Anwendung der politischen Linie wachte - und schließlich
auch durch das NKID und das EKKI, dessen Agitprop-Abteilung für die internationalen
Propagandakampagnen verantwortlich waren. Auf diese Weise betreute die VOKS schließlich
die Bildung einer Vielzahl nationaler Freundschaftsgesellschaften oder Vereinigungen für die
kulturellen Beziehungen mit der UdSSR, darunter die "Gesellschaft der Freunde des Neuen
Rußland", "The American Society for Cultural Relations with Russia", "Le cercle des relations
intellectuelles russo-belges", "Les Nouvelles Amitiés Franco-Russes" ...
Erste Erfolge dieser Aktivität zur Bildung eines Einflussressorts förderten in der zweiten
Hälfte der Zwanziger Jahre, besonders ab 1926, die Schaffung von neuen internationalen
Massenorganisationen durch die Komintern, die in ihrer Mehrheit von Münzenberg geleitet
wurden, wie die "Liga gegen Imperialismus und koloniale Unterdrückung" (1927), das
"Weltkomitee gegen den Krieg" (1932 - nach dem Versammlungsort "Amsterdam-Pleyel"
genannt), die "Vereinigung revolutionärer Schriftsteller und Künstler" (AEAR), und später, im
Jahre 1935 auch die "Weltvereinigung für Frieden" (RUP). Bereits 1928 wurde darüber hinaus
im Ergebnis der Feiern zum 10. Jubiläum der Russischen Revolution in Köln die "Internationale
Vereinigung der Freunde der Sowjetunion" gegründet, deren sowjetisches Mitglied die
Abteilung für internationale Verbindungen des Panexekutivrats der sowjetischen
Gewerkschaften war.
In der Theorie waren die von den Gesellschaften zur kulturellen Annäherung wie die
"Freunde des Neuen Rußlands" oder die "Gesellschaften der Freunde der Sowjetunion"
angepeilten Publikumskreise unterschiedlich: Während die "Freunde der Sowjetunion" die
proletarischen parteilosen Schichten ansprechen sollten, waren die VOKS und die diversen
Studien- und Annäherungsgesellschaften für die intellektuellen Berufe vorgesehen. In der
Praxis trug die Vermehrung dieser sowohl komplementären, als auch unter sich
konkurrierenden Organisationen allerdings zur extremen Verwirrung in der Übermittlung der
fundamentalen Botschaft bei, beim Publikum führte dies nicht selten zu einem schlechten
Eindruck. Erwähnenswert ist nicht zuletzt ein typisches Phänomen der stalinistischen UdSSR,
das sich weiterhin negativ auf die "Massenorganisationen" auswirkte: Tatsächlich ergab sich
ein widersprüchlicher Prozeß dadurch, daß je mehr sich die Bewegungen und Organisationen
vermehrten, die den Auftrag hatten, ein positives Bild der UdSSR zu vermitteln, desto mehr
dieses Bild zugleich uniformisiert wurde. In der Tatverfügte jede sowjetische Institution über
eine Abteilung für Außenbeziehungen, die darin wetteiferten, Propagandamaterialien in
einem in mehrere Sprachen übersetzten Bulletin herauszugeben, um die Erfolge der UdSSR in
ihrer jeweiligen Domäne hervorzuheben. Dieses Phänomen betraf alle Organisationen, von
den Gewerkschaften über die Sportverbände, und nicht nur die tatsächlichen kulturellen
Institution, wie die Akademien und die Schriftsteller- und Künstlervereinigungen, sondern
auch die Regierungsorganisationen, darunter die Volkskommissariate, besonders die des
Außenhandels, des Plans, der Ausbildung und der öffentlichen Gesundheit...
Weiterhin ermutigte die Komintern ihre Sektionen, die kommunistischen Parteien, dazu,
innerhalb der zahlreichen internationalen Arbeitervereine und -verbände kommunistische
Fraktionen aufzubauen, was auch auf der Ebene der kommunistischen Parteien zu einem, wie
die KPD belegt, bisweilen äußerst umfangreichen und breitgefächerten Spektrum
sympathisierender Organisationen führte. Als Beispiel seien hier die nur teilweise
international zusammengefügten Organisationen der Proletarischen Freidenker, der
Proletarischen Esperantisten, der Frontkämpferverbände, der proletarischen
Sportorganisationen ("Sportintern") oder der proletarischen Wehrverbände aufgezählt. Auch
hier wurden solcherlei Aktivitäten im herrschenden sowjetischen Sprachgebrauch als
"kulturelle" bezeichnet. Während das Gros der Komintern-Sympathisantenorganisationen in
der Epoche des stalinistischen Terrors als potentiell bedrohlich aufgelöst wurden, wurden die
unmittelbar sowjetischerseits gegründeten Organisationen beibehalten.
So verfügte die UdSSR außer den klassischen staatlichen Instrumenten der Außenpolitik (dem
diplomatischen und konsularischen Apparat) sowie einem internationalen Netz politischer
Parteien (Komintern) über ein weit gefächertes Mosaik von Organisationen und Schaltstellen
politisch-kultureller oder Solidaritätsarbeit, das als "zweites Standbein" (Hans Hecker) zur
Verteidigung sowjetischer Interessen im Ausland oder auch ein "neues Babylon" (Bernhard H.
Bayerlein) bezeichnet wurde, auf dem sich mit den zwanziger Jahren ein national und
international unterschiedlich ausgeprägtes kulturell-ästhetisches, lebensweltliches und
weithin mentalitätsprägendes "Zwischenreich" (Karl Schlögel) aufbaute. Das Gesamtphänomen
dieser sogenannten "kulturellen" Organisationen kann unter der Bezeichnung "Kultintern"
zusammengefaßt, definiert und aufgrund der neu deklassifizierten Dokumente typologisiert
und analysiert werden. Im Rahmen des vergleichenden Forschungsprojekts "Kultintern" wird
die "kulturelle" Pléjade der Komintern und der sowjetischen Außenpolitik ausgelotet,
empirisch aufgearbeitet und auf Inhalte und Anspruch der Kulturvermittlung hinterfragt.

Bernhard H. Bayerlein, Mannheimer Zentrum für europäische Sozialforschung, Universität
Mannheim; Jean-François Fayet, Département d'histoire générale, Université de Genève;
Anne Hartmann, Lotman-Institut für russische und sowjetische Kultur, Ruhr-Universität-
Bochum.