Dr. Bernhard H. Bayerlein


Historiker und Romanist, Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung (MZES)
Autor historischer, politikwissenschaftlicher und iberischer Studien
Internationale Kommunismusforschung und Archivprojekte



Soeben im Aufbau-Verlag erschienen / Book Announcement:

"Der Verräter, Stalin, bist Du!". Vom Ende der linken Solidarität. Sowjetunion, Komintern und kommunistische Parteien im Zweiten Weltkrieg 1939 - 1941, von Bernhard H. Bayerlein.

 Unter Mitarbeit von Natal'ja Lebedeva, Michail Narinskij und Gleb Albert. Mit einem Zeitzeugenbericht von Wolfgang Leonhard. Vorwort von Hermann Weber, Berlin, Aufbau-Verlag, 2008. 540 Seiten, mit 200 Abbildungen. Erschienen in der Reihe: Archive des Kommunismus – Pfade des XX. Jahrhunderts. Band IV. Das Buch kostet 29,95 Euro. ISBN 978-3-351-02623-3.


Als außergewöhnliche Veröffentlichung zum 2009 bevorstehenden 70. Jahrestag des Stalin-Hitler-Paktes und des Beginns des 2. Weltkriegs sowie zum 90. Jahrestag der Gründung der Komintern legt der Aufbau-Verlag eine grundlegende, ausführlich kommentierte Chronik bis vor kurzem noch streng geheimer und unzugänglicher Dokumente aus russischen, deutschen und schweizerischen Archiven vor. Zwei zentrale globalgeschichtliche Einschnitte markieren das Themenspektrum:

• Der Bruch mit Antifaschismus und Solidarität durch die Sowjetunion und die kommunistische Parteien zu Beginn des Zweiten Weltkriegs in den „dunklen Jahren“ des Kommunismus als Resultat des Stalin-Hitler-Paktes von 1939 - 1941.

• Die neue Symbiose von Sowjetpatriotismus und Antifaschismus seit der Ausrufung des "Großen Vaterländischen Krieges" im Juni 1941.

Die Erfolgsgeschichte der Sowjetunion als Siegermacht des Zweiten Weltkrieges überstrahlt bis heute die Zusammenarbeit der Diktatoren und die "deutsch-sowjetische Freundschaft" von September 1939 bis Juni 1941 in der "Mitternacht des XX. Jahrhunderts" (Victor Serge). Im Focus stehen die Rolle der Kommunistischen Partei der Sowjetunion und ihres autokratischen Führers und besonders die der Komintern und der kommunistischen Parteien Europas, darunter nicht zuletzt der KPD. Erstmals werden umfassende Belege für die Umpolung der kommunistischen Parteien auf den Freundschaftspakt zwischen Deutschland und der Sowjetunion vorgelegt: sie belegen zunächst die unverhohlene Unterstützung des NS-Regimes, die sogar bis zum Applaus für Hitlers Weltkrieg gegen Europa und die Zivilisation ging, – und nicht zuletzt mentalitätsgeschichtlich interessante Perzeptionen wie Desorientierung, Zweifel, Unbeholfenheit und Widerspruch von Seiten der KP-Führer, der Mitglieder und der linken bis liberalen Öffentlichkeit. Sie belegen weiterhin die Umpolung auf den Widerstand gegen den Angriff der Wehrmacht auf die Sowjetunion im Juni 1941.

Politbürobeschlüsse, Instruktionen von Komintern-Generalsekretär Dimitrov, Außenkommissar Molotov und Stalin selbst an die kommunistischen Parteien, chiffrierte Telegramme, auch heute noch frappierende und schwer verdauliche Originaldokumente der KP- und NS-Propaganda, Briefe und Korrespondenzen, Programme und Manifeste, Einsatzbefehle für Geheimaufträge oder Bombenattentate hinter den Linien, Manuskripte für Radiopropaganda ergeben sich aus der Vielfalt des neu zugänglichen Archivmaterials. Die Beleuchtung der kommunistischen Politik und ihres Widerhalls in der öffentlichen Meinung als transnationales, europäisches Phänomen trägt dazu bei, die Dominanz vornehmlich nationaler Erinnerungskulturen zu durchbrechen, die bis heute, von Frankreich bis zu den baltischen und mitteleuropäischen Staaten, von Deutschland über den Balkan bis nach Rußland von Verschweigen oder verspäteter Aufarbeitung, Uminterpretieren oder diplomatischem Taktieren geprägt sind.

Schweigen zu KZs und Judenverfolgungen — Beifall zu Hitlers Krieg — Verzicht auf Widerstand und seine problematische Wiederaufnahme.

Berührt werden Tabus der europäischen Erinnerung, Ursprungsmythen werden infrage gestellt. Als Inneneinsichten illustriert werden jene Orwellschen Mechanismen und Visionen, manipulative Propaganda und Rhetorik, die im Namen des Kommunismus und der Verteidigung der Sowjetunion tatsächlich Europa der Kriegsmaschinerie Hitlers auslieferten. Nach dem Überfall der Wehrmacht auf Polen wurden für die Komintern-Propaganda England und Frankreich zum Hauptfeind, nicht der Aggressor Hitlerdeutschland. Thälmann und andere deutsche Kommunisten wurden genauso in Stich gelassen wie unangepaßte europäische Intellektuelle unterdrückt. Der spätere DDR-Staatschef Walter Ulbricht forderte, das Wort "Nazi" aus dem Wortschatz der KPD zu streichen und verhöhnte die Exilschriftsteller. Überwiegend schwiegen Kommunistische Internationale und KPD zu KZs und Judenverfolgung - die sowjetische Staats- und Außenpolitik ohnehin.

Durch die innovative Präsentation von Dokumenten, Chronologien, Kommentaren und Abbildungen entsteht eine Collage, die mit ihrem Staccato der Instruktionen und Reaktionen die Tiefe des Bruchs einer seit dem XIX. Jahrhundert von der Linken geprägten politischen Kultur adäquat zum Ausdruck bringt.

Doch solch pervertiertes Denken und Handeln schockierte weltweit Antifaschisten und linke wie liberale Intellektuelle. Stellungnahmen und Korrespondenzen von Thomas und Heinrich Mann, George Orwell, Octavio Paz, Julien Gracq, John Strachey, Willy Brandt, Paul Nizan, Willi Münzenberg, Alexander Neill, Wilhelm Reich u.a. verdichten sich zu einer aufwühlenden zeitgeschichtlichen Debatte, die im Band neu entdeckt und damit gleichsam konstituiert wird.

So schleuderte Willi Münzenberg, der geniale ehemalige KPD-Propagandist, dem russischen Diktator den Bannstrahl "Der Verräter, Stalin, bist Du!" entgegen, der dem Buch den Titel gab. Kurz vor seinem mysteriösen Tod in Südfrankreich, hatte einer der vom NS-Regime meistgefürchteten Gegner, der Erbauer eines Presse- und Medienimperiums der Komintern, das selbst mit dem Hugenbergs konkurrieren konnte, in der Pariser Exilzeitschrift "Die Zukunft" geschrieben:

"Frieden und Freiheit müssen verteidigt werden, gegen Hitler und Stalin. Der Sieg muß gegen Hitler und Stalin erkämpft [...] werden […]. Jahrelang hat eine ausgehaltene Presse gehetzt und verleumdet, hat Hunderte von niederträchtigen Lügen verbreitet, Tausende tapfere Arbeiter verdächtigt, keine Nummer der ›Volkszeitung‹ [der KPD] erschien, die nicht hundertmal wiederholte: ›Nieder mit dem Schädling, nieder mit dem Verräter.‹ Heute stehen in allen Ländern Millionen auf, sie recken den Arm, rufen, nach dem Osten deutend: Der Verräter, Stalin, bist Du!"

Das im Rahmen der Deutsch-Russischen Historikerkommission entstandene Werk enthält neben einem Vorwort von Hermann Weber aufschlußreiche Zeitzeugenberichte, die Wolfgang Leonhardt in einem Exklusivbeitrag zusammengestellt hat. Autor Bernhard H. Bayerlein stellt im einführenden Essay die Dokumente in den zeitgeschichtlichen Zusammenhang und benutzt das von Walter Benjamin als Reaktion auf den Pakt entwickelte Paradigma des "inneren Verrats" der Politik als Analyseinstrument.



Vom Pakt mit Hitler zur Verteidigung Moskaus vor der Wehrmacht — Die Dramaturgie der globalgeschichtlichen Zäsuren 1939-1941.

• Zunächst werden der Abschluß des "Stalin-Hitler-Pakts“, dem ein Freundschaftspakt folgte, die Rolle der Komintern sowie die teils traumatischen, teils ungläubigen Reaktionen der Kommunisten und der öffentlichen Meinung (August bis September 1939) problematisiert.

• Im zweiten Teil (September bis November 1939) werden frappierende Reaktionen und Instruktionen der Komintern zu Beginn des Zweiten Weltkriegs dargestellt; darunter das ausdrückliche Verbot an die kommunistischen Parteien, Polen in welcher Form auch immer gegen den Überfall Hitlers zu verteidigen. Zugleich wird graduell das Ende des Antifaschismus dekretiert, was widersprüchliche Reaktionen und Oppositionen nach sich zieht.

• In Teil drei wird der "Winterkrieg" der Sowjetunion gegen Finnland (1939/40) als Zerreißprobe für die finnischen Kommunisten genauso wie für die Linke und die öffentliche Meinung in Europa dokumentiert – darunter mit einem unveröffentlichten Brief des jungen Willy Brandt.

• Im vierten Teil wird die trotz des deutschen militärischen Vormarsches in Europa andauernde Freundschaft der Sowjetunion mit Hitlerdeutschland bis September 1940 illustriert. Dabei versuchen die kommunistischen Parteien den unmöglichen Spagat zwischen Sympathie mit, Anpassung an und Opposition gegen das nationalsozialistische Deutschland. Die Angriffe der Wehrmacht auf Belgien, die Niederlande, Dänemark, Norwegen und schließlich, als Symbol der Herrschaft der Barbarei über Europa, die Niederlage Frankreichs werden teilweise beklatscht, teilweise hingenommen. Mit dem Aggressor wird verhandelt, um einen legalen Status der KP und ihrer Presse unter deutscher Besatzung zu erreichen. Sogar die KPD-Führung spekuliert auf eine Legalisierung der Partei: Dafür sollen deutsche Kommunisten "legal" ins Hitlerreich zurückkehren.

• In Teil fünf werden unterschiedliche Netzwerke und Aspekte des europäischen Kommunismus in den äußerst spannenden letzten sechs Monaten vor Hitlers Überfall (November 1940 bis Juni 1941) beleuchtet, die den Eindruck eines verlorenen Doppelspiels Stalins und der Sowjetunion vermitteln. Nach dem Besuch Molotows in Berlin im November 1940 verstärken sich die Krisenerscheinungen in den offiziell weiterhin freundschaftlichen Beziehungen. Die kommunistischen Parteien werden nun zwar propagandistisch stärker gegen das deutsche Vordringen in Europa ausgerichtet, doch bis auf kleine Nadelstiche durfte es einen antifaschistischen Widerstand weiterhin nicht geben. Bezeichnenderweise unternimmt Stalin einen Monat vor dem längst beschlossenen Überfall auf die Sowjetunion sogar noch einen Versuch, Hitler freundlich zu stimmen: Er schlägt die Auflösung der Komintern vor, vermutlich als eine Art Versöhnungsopfer, hatte sich jedoch wiederum verkalkuliert, da die Zeit abgelaufen war.

• Nach der Katastrophe des Überfalls Hitlers auf die Sowjetunion im Juni 1941 und Stalins ungläubigem Zögern werden Komintern und kommunistische Parteien um 180 Grad gewendet und auf einen neuartigen, totalen Widerstand mit allen Mitteln ausgerichtet. Dokumentiert werden dramatische Momente des Vormarsches auf Moskau, die Evakuierung der Komintern und ihrer zentralen Kader – darunter Ulbricht und Pieck – hinter den Ural, der Heroismus und die befreiende Wirkung bei vielen, nun gegen den Faschismus kämpfen zu können, die oft selbstmörderischen Einsätze und Fallschirmmissionen hinter den Linien, der individuelle Terror, der Sowjetpatriotismus und die neuen Bündnisse mit den ehemaligen Todfeinden bis zum Stocken der Wehrmacht vor Moskau. Die Geburt unterschiedlicher Widerstandsstrategien in Europa entsprang der neuen Symbiose von russischem Patriotismus, Nationalismus und einem neuartigen Antifaschismus im "Großen Vaterländischen Krieg". Hinterfragt werden sowjetisch-europäische Ursprungsmythen bspw. um die kommunistische Résistance oder die (ausgebliebene) sowjetische Hilfe für den jugoslawischen Freiheitskampf. Im besetzten Frankreich kennzeichnen Ambivalenzen den Beginn des Widerstands: Den von Dimitrov und der illegalen KP Frankreichs befohlenen Attentaten gegen deutsche Soldaten folgten barbarische Geiselerschießungen zumeist junger Kommunisten durch französische Polizei und deutsche Besatzer, eine Tragödie, die zur Hypothek wurde. Bei aller notwendigen und gerechtfertigten Anspannung der Kräfte gegen die deutschen Angriffe oder die Besatzungsregime kommt die Verbreitung der individuellen Terrormethoden und des übersteigerten Nationalismus über ganz Europa einem folgenschweren Tabubruch mit den Traditionen der Kommunistischen Internationale und der Arbeiterbewegung gleich.

• Als Abschluß des Bandes beleuchtet ein Ausblick auf die Jahre 1942 und 1943 die Tiefe des Strategiewechsels und die neuen Aufgaben der kommunistischen Parteien: man bewegt sich endgültig weg von einer internationalistischen und revolutionär ausgerichteten Mission und hin zum Aufbau "nationaler Fronten" in allen Ländern und dem Bündnis mit De Gaulle, Churchill und Roosevelt. Rundfunkpropaganda und Kriegsgefangenenpolitik begleiten die Transformierung der Komintern zu einer Geheimorganisation und schließlich zu ihrer Auflösung auf dem Höhepunkt des 2. Weltkriegs im Mai 1943, zu der neue, überraschende Erklärungsansätze geliefert werden.



Über die Autoren und Mitarbeiter:

Bernhard H. Bayerlein ist Historiker und Romanist am Zentrum für Europäische Sozialforschung der Universität Mannheim. Autor historischer und regionaler Studien und Editionen in Deutschland, Frankreich, der Schweiz, den Niederlanden, Portugal; publizierte u.a. Archives de Jules Humbert-Droz (Amsterdam-Boston-Zürich, 1983-2001); Georg Dimitroff: Tagebücher (Berlin 2000), Paris-Berlin-Moscou. Télégrammes chiffrés du Komintern (Paris 2003), Der Thälmann-Skandal (Berlin 2003), Deutscher Oktober 1923. Ein Revolutionsplan und sein Scheitern (Berlin 2003), Mitherausgeber des "Jahrbuchs für historische Kommunismusforschung" (Berlin), Herausgeber "The International Newsletter of Communist Studies/Online" (Mannheim-Berlin).

Wolfgang Leonhard, geb. 1921 in Wien, ist Historiker, Publizist, Ostexperte; kam 1935 mit seiner Mutter Susanne in die Sowjetunion, nach Ausbildung an der Kominternschule seit 1943 Mitwirkung im "Nationalkomitee Freies Deutschland", traf im Mai 1945 mit der "Gruppe Ulbricht" in Berlin ein, dort im Propaganda-Apparat der Partei tätig bis zur Flucht nach Jugoslawien im März 1949. Sein Erlebnisbericht "Die Revolution entläßt ihre Kinder" (1955) wurde ein Bestseller. Weitere Publikationen: Völker hört die Signale. Die Anfänge des Weltkommunismus 1919 - 1924 (München, 1989); Am Vorabend einer neuen Revolution. Die Zukunft des Sowjetkommunismus (München, 1990); Meine Geschichte der DDR (Berlin, 2007).

Natalja Sergejewna Lebedewa ist russische Historikerin und Mitarbeiterin des Instituts für Allgemeine Geschichte der Russischen Akademie der Wissenschaften. Machte sich vor allem um die wissenschaftliche Aufarbeitung des Massakers von Katyn und der Geschichte der sowjetisch-baltischen Beziehungen verdient. Wurde für die Publikation der Katyn-Dokumente 2005 mit dem Verdienstorden der Republik Polen geehrt. Publizierte u.a.: Komintern i Vtoroja Mirovaja Vojna [Die Komintern und der Zweite Weltkrieg], 2 vols. (Moskau, 1994-1994); Katyn'. Prestuplenie protiv celovecestva [Katyn. Verbrechen gegen die Menschheit (Moskau, 1994); Katyn: A Crime Without Punishment (Yale University Press, 2008).

Michail Matwejewitsch Narinski, geb. 1942 in Moskau, ist russischer Historiker und Politikwissenschaftler, Professor für Geschichte der internationalen Beziehungen am Moskauer Staatlichen Institut für internationale Beziehungen (MGIMO). Publizierte u.a.: Centre and Periphery. The History of the Comintern in the Light of New Documents (Amsterdam, 1996); Komintern i Vtoroja Mirovaja Vojna, 2 vols. (Moskau, 1994-1994); SSSR i Francija v gody Vtoroj mirovoj vojny [Die UdSSR und Frankreich im 2. Weltkrieg] (Moskau, 2006).

Gleb Albert, geb. 1981 in Moskau, ist Doktorand und Mitherausgeber "The International Newsletter of Communist Studies/Online" (Mannheim-Berlin).

Hermann Weber, geb. 1928, ist emeritierter Professor für Politische Wissenschaft und Zeitgeschichte der Universität Mannheim, Nestor der historischen Kommunismusforschung in Deutschland (u.a. Die Wandlung des deutschen Kommunismus, Frankfurt/Main 1969), Leiter des Forschungsprojekts »Komintern« der Deutsch-Russischen Historikerkommission; Gründer des 'Jahrbuchs für historische Kommunismusforschung'.


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